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Symbolisches

„Ästhetik und Kulturvermittlung“

Brock sieht momentan immer mehr Naturwissenschaftler mit der Entdeckung konfrontiert,  „dass die eigentlichen Gegenstände ihrer Arbeit von ihnen selbst hergestellte Zeichengefüge…sind“, sei es in der Funktion von graphischen Darstellungen, Organigrammen, Modellen usw. Handelt es sich dabei um eine fortschrittliche Methode oder um den Rückfall in frühe Entwicklungsphasen?

Betrachten wir hierzu einmal die Entwicklung der Symbolverwendung in den Wissenschaftsbereichen der letzten gut einhundert Jahre.

 

„Psychologie/Psychoanalyse“

"Sie sind im medizinischen Unterricht daran gewöhnt worden zu sehen. Sie sehen das anatomische Präparat, den Niederschlag bei der chemischen Reaktion, die Verkürzung des Muskels als Erfolg der Reizung seiner Nerven. Später zeigt man Ihren Sinnen den Kranken, die Symptome seines Leidens, die Produkte des krankhaften Prozesses, ja in zahlreichen Fällen die Erreger der Krankheit in isoliertem Zustande. In den chirurgischen Fächern werden Sie Zeugen der Eingriffe, durch welche man dem Kranken Hilfe leistet, und dürfen die Ausführung derselben selbst versuchen. Selbst in der Psychiatrie führt Ihnen die Demonstration des Kranken an seinem veränderten Mienenspiel, seiner Redeweise und seinem Benehmen eine Fülle von Beobachtungen zu, die Ihnen tiefgehende Eindrücke hinterlassen. So spielt der medizinische Lehrer vorwiegend die Rolle eines Führers und Erklärers, der Sie durch ein Museum begleitet, während Sie eine unmittelbare Beziehung zu den Objekten gewinnen und sich durch eigene Wahrnehmung von der Existenz der neuen Tatsachen überzeugt zu haben glauben. ...

Sie sind darin geschult worden, die Funktionen des Organismus und ihre Störungen anatomisch zu begründen, chemisch und physikalisch zu erklären und biologisch zu erfassen, aber kein Anteil Ihres Interesses ist auf das psychische Leben gelenkt worden, in dem doch die Leistung dieses wunderbar komplizierten Organismus gipfelt. Darum ist Ihnen eine psychologische Denkweise fremd geblieben, und Sie haben sich daran gewöhnt, eine solche misstrauisch zu betrachten, ihr den Charakter der Wissenschaftlichkeit abzusprechen und sie den Laien, Dichtern, Naturphilosophen und Mystikern zu überlassen. Diese Einschränkung ist gewiss ein Schaden für Ihre ärztliche Tätigkeit, denn der Kranke wird Ihnen, wie es bei allen menschlichen Beziehungen die Regel ist, zunächst seine seelische Fassade entgegenbringen, und ich fürchte, Sie werden zur Strafe genötigt sein, einen Anteil des therapeutischen Einflusses, den Sie anstreben, den von Ihnen so verachteten Laienärzten, Naturheilkünstlern und Mystikern zu überlassen."

Diese Worte richtete Sigmund Freud in seiner 1. Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse an seine Studenten. Rund zwanzig Jahre nachdem seine Entwicklung der Psychoanalyse begann, war sich Freud der geistigen und emotionalen Sprengkraft dieser Lehre bewusst, die er nun zu etablieren versuchte: „Erinnern Sie sich, dass wir gewöhnt sind, Psychisches und Bewusstes zu identifizieren. So selbstverständlich erscheint uns diese Gleichstellung, dass wir einen Widerspruch gegen sie als offenkundigen Widersinn zu empfinden glauben, und doch kann die Psychoanalyse nicht umhin, diesen Widerspruch zu erheben, sie kann die Identität von Bewusstem und Seelischem nicht annehmen. Ihre Definition des Seelischen lautet, es seien Vorgänge von der Art des Fühlens, Denkens, Wollens, und sie muss vertreten, dass es unbewusstes Denken und ungewusstes Wollen gibt. Damit hat sie aber von vornherein die Sympathie aller Freunde nüchterner Wissenschaftlichkeit verscherzt und sich in den Verdacht einer phantastischen Geheimlehre gebracht. Es klingt wie ein leerer Wortstreit, ob man das Psychische mit dem Bewussten zusammenfallen lassen oder es darüber hinaus erstrecken soll, und doch kann ich Ihnen versichern, dass mit der Annahme unbewusster Seelenvorgänge eine entscheidende Neuorientierung in Welt und Wissenschaft angebahnt ist.“

 

Freud erkannte hier also das Dilemma, das Seelische und Somatische dem Grunde nach nicht trennen zu können, zumindest war er sich bewusst, dass diese Annahme bereits zum damaligen Wissensstand nicht richtig greifen konnte. Er hob damit aber gleichzeitig hervor, dass die Psychoanalyse in Ergänzung zum bisherigen Vorstellungsbild der leiblichen Vorgänge und der darauf hin indizierten Therapie, durch das Seelische ein neues, erweitertes Verständnis für die Ursachen, Konflikte und Behandlungsmethoden erbringen könnte.

Wenige Jahre später versuchten die ersten ‚Psycho-Somatiker’, bspw. um Viktor von Weizsäcker, genau jenen Dualismus wieder zu durchbrechen und das Leib-Seele-Problem einer ganzheitlichen Sichtweise zuzuführen.  Doch trennte Freud tatsächlich so rigoros, wie es ihm auch heute noch nachteilig – nicht nur von Seiten der neueren psychologischen Schulrichtungen[1], sondern auch von Vertretern der Neurowissenschaften[2]  - vorgehalten wird? War die Entwicklung des psychoanalytischen Modells tatsächlich eine „esoterische Praktik“, die näher an  „mystisches Denken“ grenzt, als Freud dies seiner Einstellung zu dem Thema[3] nach beabsichtigt hätte? 

Trennen wir uns diesbezüglich von der Sexualtheorie und der Klassifikation von Eros und Thanatos, die durchaus in anderen Erklärungssystemen und psychologischen Schulrichtungen einen divergierenden Stellenwert und eine abweichende Benennung haben können. Bleiben wir rein bei dem Modell des Unbewussten und der Bewusstseinsebenen, dann können wir feststellen, dass sich zahlreiche Übereinstimmungen des damaligen theoretischen Modells mit den Erkenntnissen der neueren Neurowissenschaften finden lassen.

 

„Was können wir wissen? - Angewandtes Nichtwissen und Kognitionswissenschaften“

 

Auch hier stoßen wir zunächst einmal wieder auf „angewandtes Nichtwissen“. – sei es in der Psychologie, der Kognitions- oder der Neurowissenschaft. In allen der genannten Bereichen wird  mit Begriffen operiert, die zwar nicht ‚beliebig’, aber dennoch nicht-objektivierbar sind. Beginnen wir bei den Begriffen des „Bewusstseins“, des „Unbewussten“,  des „Geistes“, der „Seele“, „Ich“, „Selbst“ usw., dann werden wir feststellen, dass bislang keine der wissenschaftlichen Disziplinen eine klar umrissene Lösung, geschweige denn eine „Lokalität“ dieser Entitäten bezeichnen kann[4].

Wir benutzen sie als „topografische“ Zuordnungen, wie Freud es ausdrückte, oder im Sinne dieser Arbeit als „symbolhafte Stellvertreter“, als „symbolischen Namen“ oder als „Metapher“ die wir zur Erklärung eines ansonsten unerklärlichen Vorganges bemühen. Auf der Basis dieser Unzulänglichkeit kann also nur eine Annäherung an die Wirksamkeit (oder Unwirksamkeit) der Symbolarbeit erfolgen.

„Psychologie und Neurowissenschaften“

Was wissen wir aus den Neurowissenschaften, der Pädagogik und Psychologie über die Aufnahme, Be- und Verarbeitung symbolischen Denkens?

Nach Joachim Bauer lässt sich dies anhand von sechs Merkmalen für den Bereich Psychotherapie und moderne Neurowissenschaft skizzieren[5]:

 

1.           Zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen das Gehirn.

2.           Erfahrungen mit der Umwelt bestimmten seelisches Erleben und Verhalten.

3.           Die Nervenzell-Anatomie verändert sich unter jeweiligen Erfahrungen mit der Umwelt.

4.           Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen machen Seele und Gehirn krank.

5.           Verheerende Gesundheitsschäden (entstehen) durch Traumatisierungen in der Kindheit und

6.           Psychotherapie heilt seelische Erkrankungen und hat positive Effekte auf Gehirn und Körper.

 

Jedem „seelischen“ Erleben steht damit ein neuronales Korrelat zur Seite. Dies bedeutet letztlich sowohl die Trennbarkeit in Leib-Seele-Phänomene nach der Art eines Ursache[6]-Wirkungs[7]-Verhaltens, erlaubt aber gleichzeitig auch die holistische Betrachtungsweise der Psychosomatiker. Eine neurologische Erkrankung kann damit Auswirkungen auf das seelische Er-/Leben haben, wie auch seelisches Leid (durch Einwirkungen von Dritten) seinen Niederschlag in veränderten biochemischen und neurophysiologischen Vorgängen haben kann. Letztlich kann beides in einem wechselwirksamen Verhältnis zu einer Störung des Leib-Seele-Empfindens und damit zu einer psychosomatischen Erkrankung führen[8].

Sofern man eben genau dieses neue Erfahrungswissen zulassen und als Bereicherung im Sinne der gezielteren Behandlungs- oder Beratungsmöglichkeiten für den Patienten/Klienten erkennen kann, wäre nicht nur im Sinne der Prävention und Prophylaxe, sondern auch genauerer Indikation einer möglichen psychopharmakologischen und/oder psychotherapeutischen Behandlung viel gewonnen. Mitunter ist nur leider zu beobachten, dass hier in einem „Schwarz-Weiß-Denken“ entweder auf der rein somatischen[9] Ebene oder auf der seelischen[10] Ebene Behandlung ansetzt[11]. Auch die Frage, ob eine durchgängig holistische Betrachtungsweise, wie sie in naturheilkundlichen Praxen weiter verbreitet ist - und die aufgrund der mitunter scheinbar noch notwendigen Profilierung der angewandten und teils wenig evaluierten Techniken nicht immer eine sachliche und emotionsfreie Auseinandersetzung zulässt - damit grundsätzlich im Sinne des Patienten ist, bleibt offen.  Sicher wäre hier mehr Kooperation und interdisziplinärer Austausch und Offenheit wünschenswert.

Dieses „Manko“ wurde bereits von Freud seinerzeit formuliert, da er Bedenken hatte, dass die Neurowissenschaften in einer reduktionistisch-lokalisatorischen Ansicht „alle psychischen Probleme letztendlich in neuronal-physikalischer Sprache erklären können[12].“ Henningsen stellte dies folgendermaßen heraus:„…’unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht [auf anatomische Örtlichkeiten] frei und darf nach ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen’ [Freud 1915, S. 274) – ohne deren Existenz aus dem Auge zu verlieren.

Es sollte verständlich sein, dass hier eine isolierte – und demnach reduktionistische - Betrachtungsweise deplaziert ist. Die Psychoanalyse und auch andere psychotherapeutische Verfahren, sei es selbst die Kognitionspsychologie, wird ohne Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften auf einem Fundament errichtet, dass von der Glaubensbereitschaft an die Wirksamkeit abhängig ist[13].

Die Neurowissenschaften werden alleine keine Aussagen über die „Qualia“, die Erlebens- und Erlebnisebene machen können, soweit sie sich in ihre Betrachtung ausschließlich auf die neuralen und biochemischen Faktoren des Geschehens zurückziehen. Und selbst die ganzheitliche Betrachtungsweise der Naturmedizin würde wohl in einer mehr „animistischen“ Denkweise stecken bleiben, kämen die Forschungen und Erkenntnisse aus den anderen Disziplinen nicht zu einer gereiften Integration in die Behandlungsweise.

 

„Entwicklungspsychologie – Kognitions- und Neurowissenschaft“

Wie kommen wir überhaupt zu symbolischem Denken? Wann beginnt es? Verlieren wir diese Fähigkeiten wieder? Wozu benötigen wir sie?

 

All dies sind Fragen, denen sich nicht die Symbolforschung, sondern zumindest die Praktiker zu stellen haben, welche eine Wirkweise des Symbols für sich in der Arbeit reklamieren. Bauer spricht davon, dass unser Gehirn durch zwischenmenschliche Beziehungen beeinflusst wird. Ab wann kann man eine solche Gestaltungsfunktion annehmen?

Dafür ist es notwendig, sich kurz den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie zuzuwenden:

 

Nach Rauh[14] beginnt die Entwicklung des Gehirns beim Embryo in der Zeit zwischen dem 18. und 20. Tag nach der Konzeption, mit der Bildung des Zentralen Nervensystems (ZNS) und dem Aufbau weiterer Hirnzellen. Die ersten Bewegungsabläufe erfolgen ca. um die 8. Woche herum. Im dritten Gestationsmonat[15] bilden sich die Organe differenziert heraus 

 

„Alle für Wahrnehmungen und Erkunden notwendigen Organe sind in verkleinertem Maßstab vorhanden. Erste Nervenfasern bilden sich aus, um ein zusammenhängendes Netz zwischen Hirnstamm und Rezeptoren/Effektoren zu bilden[16].“ Die folgenden Wochen der Gestationszeit gehören damit der Weiterentwicklung und der spezialisierten Qualifizierung einzelner Organe und Körperfunktionen.

Mit den Methoden der „visuellen Präferenz“ und den Habituationstests konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Erkenntnisse über die Wahrnehmung und Reaktion auf Umweltreize, wie auch Gedächtnisleistungen und Lernfähigkeit bei Säuglingen gewonnen werden[17].

Bei der Symbolwahrnehmung und –interpretation benötigt man in aller Regel zunächst visuelle Fertigkeiten[18]. Nach verschiedenen Studien[19] können „Neugeborene…auf eine Entfernung von ca. 20-25 cm und bei mittlerer Helligkeit einigermaßen scharf sehen… Überhaupt scheinen sie Gesichter und gesichtsähnliche Formen zu bevorzugen – selbst in den ersten Stunden nach der Geburt ohne jegliche Seherfahrung mit Menschen… Auch Farben können sie unterscheiden…“ In diesem Zusammenhang wird auch von dem „Conspec-Modell“ gesprochen, wonach man davon ausgeht, dass sich Säuglinge aufgrund eines angeborenen Mechanismus, bevorzugt Artgenossen zuwenden[20] Wenngleich die Forschungsergebnisse bislang unterschiedliche Resultate aufwiesen, war jedoch festzustellen, dass es von Seiten der Säuglinge Präferenzen bei der Betrachtung von Stimuli gab, auch wenn diese Präferenzen nicht unbedingt der Erwartungshaltung der Versuchsleiter  entsprachen[21].

„Wir lernen über Symbole“

Halten wir dabei fest, dass es sich bei dem angebotenen Stimulus nicht unbedingt um einen realen Gegenstand, sondern auch um eine bildhafte Darstellung handeln kann.  Beginnt die erste Wahrnehmung noch mit „einzelnen lokalen Mustern“, so wird dies bei den Säuglingen in den folgenden Monaten differenzierter und „nach den ersten zwei bis drei Lebensmonaten beginnen sie, eine einfache Konfiguration als Teile im Ganzen zu verarbeiten, also einzelne Teilstimuli aufeinander zu beziehen.“

„Das Baby erkennt und verarbeitet Konfigurationen über das linke visuelle Feld und die rechte kortikale Hemisphäre, also auch Gesichter ganz allgemein, wobei es auch zwischen vertrauten und unvertrauten Personen unterscheidet. Über das rechte visuelle Feld und die linke Hemisphäre folgt es in dieser Zeit vorwiegend den Lippenbewegungen, die mit den Sprachlauten verbunden sind. Das primäre visuelle Feld ist nach Bank und Salapatek (1983) durch scharfes foveales Sehen und feine Analyse des Stimulusmusters nach Veränderungen in Größe, Form und Ausrichtung charakterisiert. …Mit knapp fünf Monaten findet eine Zusammenarbeit beider Hemisphären statt, die es erlaubt (mit 6 bis 7 Monaten) Muster, so auch individuelle Gesichter, zu unterscheiden, zu gruppieren und zu kategorisieren.[22]“ Man kann hier zu dem Schluss gelangen, als gehöre das „Symboldenken“ unbezweifelbar mit dem (menschlichen) Grundrepertoire der Wahrnehmung und des Denkens zusammen. Auf dieser Basis kann das Symbol „wirken“, indem es vertraute Denkstrukturen benutzt und in einem kreativen Prozess unsere Faszination und Aufmerksamkeit auf es lenkt; indem es uns „erinnert“ und eine schöpferische Leistung der Deutung, der Interpretation abverlangt.

Über verschiedene Entwicklungsstufen in den folgenden Monaten kommt der Säugling zu wesentlich komplexeren und ausdifferenzierteren Fähig- und Fertigkeiten in Bezug auf Motorik, Kognition, Kommunikations- Emotions- und Sozialverhalten. Ungefähr in der Übergangsphase vom Baby- zum Kleinkindalter[23] erlangt das Kind „…immer mehr die Fähigkeit, ein einfaches Handlungsziel vorstellend vorwegzunehmen und seine Handlung auf das Ziel hin zu planen, um das Ergebnis dann mit seiner Zielvorstellung zu vergleichen.[24]

Die Leistungen des so genannten Symbolspiels tauchen damit bereits im zweiten Lebensjahr verstärkt auf. In einer weiteren Spielphase, die erst wieder auf andere Arten des Spielverhaltens folgt, findet die „Substitution“ statt. Hierzu heißt es bei Oerter/Montada[25]: „Einsiedler (1991(kontrollierte bei zwei Altersgruppen (3-4 Jahre und 5-6 Jahre) nicht nur den Realitätsgrad, sondern auch den Komplexitätsgrad (Anzahl der präsentierten Spielgegenstände) des Spielzeugs. Die Umdeutung von Spielgegenständen (Objekttransformationen) wurde durch deren Realitätsgrad bei beiden Altersstufen kaum beeinflusst, während die ältere Gruppe wesentlich mehr Objekttransformationen im Spiel mit niedrig-realistischem Spielzeug vornahm. Der Komplexitätsgrad hatte keinen Einfluss auf das Spiel. Dieses Ergebnis ist plausibel, wenn man bedenkt, dass die Substitution eines Gegenstandes dann besonders Schwierigkeiten macht, wenn dieser einen anderen Gegenstand realistisch darstellt. Man kann zwar einen Stuhl als Auto benutzen, viel weniger jedoch ein Auto als Stuhl. Das Symbolspiel scheint vom Kind beträchtliche kognitive Leistungen zu fordern, allein voran die Fähigkeit, sich gegen den Augenschein etwas vorzustellen und gemäß dieser Vorstellung nicht gemäß dem Augenschein zu handeln. Wenn das Kind bspw. Einen gelben Baustein als Banane bezeichnet und ihn in einem Verkaufsspiel als Banane

weiterverkauft, so handelt es gegen den Augenschein, dass es einen Baustein weitergibt“

 

Verdrängt das Kind nun die veränderte Bedeutung oder verkennt es sie einfach nur?. „Leslie (1987) setzt sich zunächst mit dem Problem des Vorstellungsmissbrauchs auseinander. Das Kind sieht eine leere Tasse und tut so, als sei Flüssigkeit darin, in dem es aus ihr trinkt. Je mehr Umdeutungen und je mehr Als-ob-Spiel stattfindet, desto mehr kommt es zum Missbrauch von Vorstellungen und Gegenständen. Wieso führt dieser Missbrauch das Kind nicht in Verwirrung?  Leslie erklärt dies durch eine Leistung, die sonst erst später auftaucht, nämlich das Verständnis mentaler Prozesse bei sich und anderen, z.B. glauben und denken. Ein solch mentaler Prozess ist auch ‚ich tue so, als ob, als wäre’.[26]

„Eine gemeinsame Position“

Durch (zunehmende) Übung oder auch bspw. durch ein restriktives Verbot[27] des Symbolspiels und des Umgangs mit Symbolen formt sich wiederum unsere Nervenzell-Anatomie (Bauer - s. o.). Lurija stellt dies folgendermaßen heraus: „Während in den frühen Stadien elementare Grundfunktionen vorherrschen, treten in späteren Stadien diese Grundfunktionen in eine komplexe gegenseitige Mitarbeit ein….Ein Kleinkind denkt mit Hilfe visueller Wahrnehmungen und Erinnerungen, oder es denkt durch Abrufung von Gedächtnisspuren. In der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter ist  das abstrakte Denken auf der Grundlage der Abstraktions- und  Verallgemeinerungsfunktion so hoch entwickelt, dass sich sogar verhältnismäßig einfache Vorgänge der Wahrnehmung und des Einprägens in die komplexe Form der logischen Analyse und Synthese verwandeln. Ein Mensch ist dann tatsächlich in der Lage, Wahrnehmen und Erinnern als Reflexion zu betreiben.“

„Missbrauch und Fehlschlüsse“

Wie müssen wir den „Vorstellungsmissbrauch“ im Sinne von Leslie und den Vorwurf des „Fehlschlusses der Bedeutungsverwandtschaft[28]“ von Grünbaum gegenüber den Grundlagen der Psychoanalyse somit einordnen? Kann es einen bewussten oder unbewussten „Missbrauch“ oder „Fehlschluss“ geben? Ist es zulässig im Zusammenhang mit den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der Neurowissenschaften die Arbeit mit Symbolen in Beratung und Therapie damit als „Missbrauch“ oder „Fehlinterpretation“ herauszustellen? Werden durch die Verwendung von Symbolen Bezüge hergestellt, die nicht „real“ sind und die den Klienten/Patienten damit in die „Verwirrung“ stürzen können? Entspricht die Arbeit mit Symbolen damit der Regression in eine frühkindliche Entwicklungsstufe? Diese Fragen können sicherlich nicht allumfassend und kategorisierend bejaht oder verneint werden. Das Potential zum „Missbrauch“ scheint gleichermaßen vorhanden, wie die Neustrukturierung neuraler Verbindung, ein Umlernprozess durch das „Wahrnehmen, Erinnern und Durcharbeiten“ alter Muster – auf der Basis eines entwicklungsgeschichtlichen, individuellen Prozesses.

Doch greifen wir an dieser Stelle anhand eines Beispiels noch einmal  zurück an die Anfänge der menschlichen Kulturentwicklung. Stellen wir uns dazu einfach einmal das „Bild“ eines frühzeitlichen Menschen vor, der im Begriff ist, die ersten Werkzeuge zu benutzen[29].  Stellen wir uns diesen Menschen vor, wie er im Begriff ist, sich für eine bessere Jagd entsprechende Waffen herzustellen, für die Aufbewahrung von Speisen Gerätschaften zu entwickeln usw. Er findet all diese Gegenstände nicht primär in der natürlichen Umgebung vor – das, was er findet, sind Steine, Äste und weitere Naturmaterialien. Vielleicht hat dieser Mensch schon

entdeckt, dass man einen Stein dazu verwenden kann, um damit Nüsse zu öffnen und Getreide zu zermahlen, was ihm seine Arbeit sehr erleichtert. Bereits dahinter steckt ein kreativer Prozess, der den Stein eben nicht nur als „Stein“ erkennbar macht, sondern der den Stein abwandelt, in ein Mahlwerkzeug, ein Wurfgeschoss oder ähnliches. Er stellt weiterhin – in einem kreativen Prozess – fest, dass man mit einem Stock, einem Stück Leder[30] und einem Stein eine Schleuder herstellen kann. Er verbindet unterschiedliche Materialien zu etwas Neuem – er wird schöpferisch, kreativ tätig.

Was bedeutet aber beispielsweise diese  Steinschleuder für den frühzeitlichen Menschen? Sie steht möglicherweise für einen größeren Erfolg bei der Jagd, da er über größere Distanz ein Wild erlegen kann. Damit verschafft er sich einen Vorteil gegenüber den Menschen, die diese Technik nicht kennen und benutzen. Die Schleuder wird damit, sofern er sie verständig anzuwenden weiß,  zu einem Synonym, zu einem Symbol für  den Erfolg, für Jagdgeschick und auch für Wohlstand, da er sich und seine Sippe damit gut versorgen kann.

Im engsten Sinne des Begriffes  läge hier ein „Missbrauch“ vor, da unser frühzeitlicher Mensch den Stein nicht bloß als einen Stein ansehen würde, sondern in einem kreativen Prozess überlegt, wie er diesen „sinnvoll“ und „zweckmäßig“ einsetzen kann – welcher Nutzen aus diesem Gegenstand  zu ziehen ist. Für seine Mitmenschen wird er damit „mächtig[31]“. Dies wird er nicht alleine durch die Konstruktion, sondern ggf. auch durch die Verwendung, indem er sie nutzbringend einzusetzen versteht. Die „Macht“ geht damit vom „Konstrukteur“ auf den verständigen „Nutzer“ über – für beide wird damit der Gegenstand wieder zum Sinnbild, denn beide sind der gleichen Sache verpflichtet, sind von deren Nutzungspotential überzeugt und verschaffen sich dadurch (ökonomische) Vorteile – der Gegenstand als Symbol schafft in gewissem Sinne eine „Corporate identity[32]“.  

Greifen wir hier noch einmal auf das Spiel mit dem gelben Baustein zurück, der als „Banane“ dienen musste, so finden wir auch dort zwischen den Spielern eine „Corporate identity“, nämlich im Sinne der „verschworenen Gemeinschaft“, die sehr wohl weiß, dass der „gelbe Bauklotz“ ein „gelber Bauklotz“ ist, „der jetzt eben nur so tun soll“ (oder von dem man eben jetzt so tut), als ob er eine „Banane“ sei. Dieser kreative Gedankengang schafft einen Vorsprung gegenüber all denjenigen, die in dem gelben Bauklotz tatsächlich nur einen gelben Bauklotz[33] sehen – denn diese müssten das Spiel „ohne Bananen“ spielen.

In diesem Sinne können wir hier hinterfragen, ob der „Missbrauch“ oder die „Fehlschlüsse“ in der Verwendung und Interpretation tatsächlich als solches anerkannt werden können.

 

Die Analyse der Symbole und der Symbolinterpretationen erfordert von daher zum einen die Fähigkeit und Bereitschaft sich mit Mustererkennungsprozessen zu beschäftigen, andererseits aber auch ein kritisches Hinterfragen, ob es sich bei dem wahrgenommenen Muster um eine realen Zustand handelt oder uns möglicherweise nur eine Erscheinung vorgegaukelt wird – wie in Goethes „Erlkönig“.



[1] bspw. Eysenck, Grawe u. a.

[2] Bspw.  Crick, Lurija, Ramachandran u. a.

[3] Bekannt sind seine Differenzen mit von Weizsäcker, Jung, u. a., die sich mehr dem Mystischen und den spirituellen Elementen in der Kultur und damit auch in der Berücksichtigung der Therapie zuwandten. 

[4] Ganz abgesehen von der häufig bestehenden Schwierigkeit, in zwei Disziplinen eine einheitliche Definition eines Begriffes erreichen zu können.

[5] Vgl. dazu: Seele und Körper: Psychotherapie und moderne Neurowissenschaft – url im Literaturverzeichnis

[6] Seelisches Erleben

[7] Auswirkung auf der körperlichen (neuronalen) Ebene

[8] Ein Einspruch könnte an dieser Stelle jedoch gerade wieder aus dem Bereich der Neurowissenschaften erhoben werden. Die Frage, ob

a)       zuerst die Wahrnehmung und dann das Gefühl entsteht – also eine unbewusste Wahrnehmung ein Gefühl auslöst, oder

b)       das Gefühl zu einer rationalen Bewertung führt, weil über die Emotion ein Signal gesetzt wird, welches zu einer bestimmten Handlungsweise Anlass geben soll.

Im Zweifelsfalle erscheint diese Frage zunächst noch als müßig, da eine konkrete Bewertung derzeit noch nicht vorgenommen werden kann. Selbst über bildgebende Verfahren ist die Trennschärfe bei neurologischen Prozessen bislang noch unbefriedigend. Zum derzeitigen Stand der Technik und bei widersprüchlichen Forschungsergebnissen erscheint dies mehr wie die bekannte Debatte, ob das „Huhn“ oder das „Ei“ zuerst da war.

[9] Mittels Einsatz von Psychopharmaka ohne unterstützende Psychotherapie

[10] Psychotherapeutische Behandlung unter Ablehnung des Einsatzes von Psychopharmaka

[11] Eine derzeit aktuelle Streitkampagne bezieht sich beispielsweise auf das Medikament „Ritalin“ und die derzeit recht gängige Diagnose AD(H)S. Die Argumentation auf beiden Seiten (Behandlung mit – ohne Psychopharmaka) findet auf einer meist recht emotionsgeladenen Basis statt und bezieht sich weniger auf sachliche Erwägungen.  Gleichwohl ist die Eigenverantwortung des Patienten, wie auch die Entscheidungs- und Behandlungsfreiheit zu berücksichtigen. 

[12] Vergl. Henningsen, S. 84

[13] In einem gewissen Grade damit auch von der Glaubensbereitschaft an das Lehrsystem, welches auf „nicht-objektivierbaren, aber dennoch nicht beliebigen Begriffen“ fußt

[14] siehe in Oerter/Montada – Entwicklungspsychologie, 1998, S. 167-248

[15] Die Zeit von der Konzeption bis zur Geburt nennt man in Bezug auf die Mütter „Schwangerschaft“ und in Bezug auf die entstehenden Kinder  = „Gestationszeit

[16] ebenda, S. 172

[17] Vergl. entsprechend bei Rossmann und Oerter/Montada

[18] Hier im konventionellen Sinne zu verstehen. Bei assoziativen Worttests sind gleichermaßen das Gehör und die Sprachentwicklung mit einzubeziehen, bei zeichnerischen Verfahren die motorischen Fähigkeiten usw.

[19] Vergl. Oerter/Montada, S. 185

[20] In neuerer Zeit erscheinen zahlreiche Studien, welche darauf hinweisen, dass auch im Tierreich „Symbole“ und „Symbolerkennung“ weit verbreitet sind. Auf eine Auflistung der Studien wurde hier verzichtet, um den Rahmen dieser Arbeit nicht über Gebühr zu strapazieren. Die ethologischen Studien stehen damit jedoch im Widerspruch zu Piagets Auffassung, dass die Ausbildung des „symbolischen Denkens“ eine nur höheren Säugetieren, wie dem Menschen, zugehörige Entwicklungsphase sei. Damit wäre die Frage offen, ob wir derzeit einen „evolutionären Sprung“ erleben, in welchem selbst einfachere Tierarten, wie bspw. Bienen und Mäuse zu komplexer Wahrnehmung und Handlung fähig werden, oder ob es sich beim „Symboldenken“ um ein Grundmuster der Wahrnehmung handelt.

[21] Hierzu – Fantz (1961) mit der „Erwartungshaltung“, dass Säuglinge die Milchflasche als „starken Stimulus“ länger fixieren würden – was sie aber wider Erwarten nicht taten.

[22] Zitiert aus Oerter/Montada, 1998, S. 205

[23] ca. 18. – 24. Lebensmonat

[24] Oerter/Montada, 1998, S. 245

[25] ebenda, S. 255-259

[26] Die Überprüfung in eigenen Beobachtungen ergaben, dass dieser Prozess den Kindern recht bewusst ist.  Nachfragen, das es sich doch nicht um ‚x’ handelt, sondern um den entsprechenden realen Gegenstand hatten in aller Regel zur Antwort, dass dies wohl gewusst ist, das Kind doch nur so tue. Ganz amüsant zu beobachten ist dann gleichzeitig der mitunter entrüstete Gemütszustand darüber, dass erwachsene Menschen doch recht „dumm“ sein müssen, da sie scheinbar „nicht verstehen“, dass es sich eben um ein „Vorstellungsspiel“ handelt.

[27] Die Annahme der Nervenzell-Änderung müsste demnach auch Auswirkugnen zeigen, wenn ein Kind, das sich in der altersgemäßen Entwicklungsphsase des Symbolspiels befindet, derartige Spiele verboten bekommt. Damit würde dann ggf. ein natürlicher Prozess unterbunden, der dann Veränderungen in der Wahrnehmungs- und Denkstruktur zur Folge hätte. Könnte hierin eine Ursache z.W. auch für Depressionen liegen, wenn die Möglichkeiten für kreative Lebensgestaltung derart erschwert ist?

[28] Siehe Kettner, S. 635

[29] Ähnliche Beispiele lassen sich gehäuft bereits bei Primaten feststellen, selbst im Tierreich sind solche Praktiken verbreitet, die Rückschluss auf kreative Leistungen erlauben.

[30] Hierfür muss er schon „entdeckt“ haben, dass man die Haut der erlegten Tiere „sinnvoll“ verwenden kann…usw.….

[31] Das aus dem Altgermanischen stammenden Wort „Macht/mächtig“ beruht der Wurzel nach auf dem indogermanischen Wort „magh“ = können, vermögen – fähig sein (nach: Duden, Herkunftswörterbuch). Mächtig ist demnach jemand, der „vermag“ oder „fähig ist“ etwas Bestimmtes zu leisten.

[32] Wir finden dies bspw. auch in Hoheitszeichen verkörpert: Flaggen, Gildenzeichen, Firmenlogos usw.

[33] Und wie kommt die Menschheit eigentlich zu gelben Bauklötzen?



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